Baumsturz mit Folgen

Am 22.10.2022 – es war ein wunderschöner Herbsttag und wir haben angefangen, in Aspertsham auf dem Hof eine Outdoor-Toilette zu bauen. 

Wir hatten richtig Spaß, tolles Wetter und haben den Tag einfach in vollen Zügen genossen. 

Etwas später am Nachmittag haben wir uns etwas zum Essen gemacht, mit dem Wissen, dass wir am selben Tag noch nach München fahren wollen – und das nicht zu spät. Aber eins wollte Thomas noch erledigen: die Äste an der kaputten Eiche abschneiden – die hatte ein Sturm schon vor langer Zeit kaputt gemacht. 

Er wollte es nicht tun, wenn er alleine am Hof ist. Somit hat er die Gelegenheit genutzt und ist mit seiner Motorsäge auf den Baum gestiegen. Ein Baum, auf den er schon oft gestiegen ist. Einfach hoch und wieder runter. Ganz sicher. Voll im Vertrauen. Ich hab ihm zugeschaut und seine Sicherheit und Achtsamkeit bewundert. Gleichzeitig war mir etwas mulmig, Ich bin im Vertrauen geblieben, habe ihn beobachtet und mit dem Abseilen der Motorsäge wusste ich: jetzt kann nichts mehr passieren. 

Eine Millisekunde unaufmerksam

Eine Millisekunde war ich unaufmerksam – und als mein Blick wieder zu ihm und dem Baum ging, habe ich ihn fliegen sehen. Aus 6 Meter Höhe ist er gefühlt in Zeitlupe rückwärts nach unten gestürzt. Ich war kurz in Schockstarre, dann bin ich losgelaufen, hab ihn gerufen und – ich glaube während dieser unglaublich langen 3 Sekunden – dachte ich, er wäre tot. Regungslos lag er vor mir. Mein Verstand hat gesagt: jetzt ist es aus. Mein ganzer Körper wusste: alles wird gut. Ein seltsames Gefühl, diese zwei Diskrepanzen, die ich so bewusst noch nie wahrgenommen hatte, und die mir auch viel später erst bewusst geworden sind.

Ich sass neben ihm auf dem Boden und schon nach wenigen Sekunden, die sich wieder nach einer Ewigkeit angefühlt haben, kamen Töne aus ihm, furchtbar klingende, stöhnende Töne, die sich nicht gerade lebendig angehört haben. Schmerzerfülltes Stöhnen, wirr..  ich hatte Angst, dass er nicht mehr sprechen kann. Wieder eine Nachricht aus meinem Verstand. Gleichzeitig wusste ich – ein ganz klares Gefühl in meinem Körper – dass alles gut ist und wird. Ich bin losgelaufen zum Haus und habe den Mieter gerufen – ihm kurz berichtet was passiert ist. Er hat sofort reagiert und den Notarzt gerufen. Ich wieder zu Thomas. Alle kinesiologischen Techniken angewandt, die mir eingefallen sind, um ihn wieder ins Leben zu holen. Stirn-Hinterkopf-Halten, Anschaltpunkte massiert, geachtert wo es ging. Langsam hat er angefangen wieder ruhig zu atmen und die ersten Worte zu sprechen. Einzelne Worte, immer noch schmerzerfüllt. Immer noch irgendwie bewegungslos, regungslos. Ich hatte Angst, dass er sich nicht mehr bewegen kann. Mein Verstand hatte Angst. Mein Körper wusste: Er wird wieder ganz normal laufen können. Es kamen immer mehr Worte aus ihm, er hat mir beschrieben wo es weh tut, ich soll seinen Handschuh ausziehen. Er konnte sich nicht rühren, hat mir genau gesagt, was ich tun soll, und ich habe ihm vertraut. 

Armbruch, Rippenbruch? Kommt er überhaupt wieder auf die Beine?

Sein Arm ist gebrochen. Seine Rippe auch. So hat es sich in diesem Moment für ihn angefühlt. Es hat Ewigkeiten gedauert, bis die Sanitäter kamen. Es wurde schon langsam dunkel. Um 17.45 Uhr ist es passiert. Dunkel wird es erst gegen 18.30 Uhr. So lange haben wir gewartet, in der Kälte, am Boden liegend. Ein kleiner Baum hat ihn aufgegangen, sonst wäre er vermutlich einen kleinen Hang weiter nach unten gerollt. So lag er regungslos an diesem zarten Stamm gelehnt auf dem Boden. Wenn er seinen Kopf auch nur einen Millimeter bewegte folgte ein stechender Schmerz im Arm, der schließlich durch den ganzen Körper ging. 

Endlich – die Sanitäter waren da. Und sie wussten sich nicht zu helfen. Sie hatten keine Erlaubnis, ihm eine Spritze gegen die Schmerzen zu geben. Waren hilflos. haben untereinander diskutiert. Und letztendlich entschieden, dass der Notarzt kommen muss, um den Schmerz zu lindern. Wieder hat es eine Ewigkeit gedauert, bis ein Arzt kam, bzw. eine Ärztin. Eine Ärztin, die ziemlich unempathisch und grob Anweisungen gegeben hat, was zu tun ist. Ich habe Thomas’ Wut gespürt. Er wusste was zu tun ist. Er wusste genau, welche Bewegung für ihn gut und welche schlecht ist. Die Ärztin hat genau das Gegenteil von ihm verlangt. Sie sowie die anderen Sanitäter wollten dass er seinen Kopf hebt und dreht. Thomas hat darauf bestanden, dass der Kopf gestützt wird, dass er sich umdrehen darf. Und so hat sich einer der Sanitäter erbarmt und seinen Kopf gehalten – widerwillig. Eigentlich waren alle kurz vor der Verzweiflung, weil sie nicht das tun konnten, was sie eigentlich tun wollten. Thomas hat es nicht zugelassen, hat sich vehement eingesetzt, für das, was er für seinen Körper als richtig empfunden hat. Zum Glück. 

Wieder etwas später – eine gefühlte Ewigkeit und nach tausend Diskussionen – kam die Feuerwehr. Irgendwie mussten sie ihn da rausholen, ohne ihn zu stark zu bewegen. Eine leichte Halskrause hat seinen Nacken stabilisiert. Dann kam eine Trage von unten … und er wurde abtransportiert. Ins Krankenhaus nach Vilsbiburg. Ich spürte Erleichterung.

Endlich in Sicherheit – oder doch nicht?

Endlich in guten Händen. So dachte ich. Tatsächlich war es eine sehr aufwühlende Nacht. Vor allem, nachdem mich nachts um 1 die Nachricht erreichte, dass er nicht mehr in Vilsbiburg sondern inzwischen in München ist – mit dem Hubschrauber verfrachtet, ein plötzlicher Notfall. OP geplant für 8 Uhr morgens. Ich habe all meine Kräfte gebündelt und auch noch um Unterstützung gebeten … Menschen, die sich mit Energie schicken und solchen Dingen auskennen. Unsere Ausbildungsgruppe vom Kinesiologie Seminar. Lauter hellfühlige Menschen, die genau wussten, was Sache ist. Kurz vor dem Tod, immer noch in Gefahr, einfach gehen zu wollen. Diesmal habe ich gespürt, dass immer noch beides möglich ist. Habe immer wieder auf die Liebe vertraut und unseren gemeinsamen Weg, der vor uns liegt. Wusste, es muss gut gehen. Das kann nicht das Ende sein. Und trotzdem war es ganz nah.

Schließlich der Anruf – er ist wach, die OP ist gut verlaufen. So schnell wie möglich bin ich nach München gefahren um ihn zu besuchen, von Dankbarkeit erfüllt. Ich wusste, jetzt kann uns nichts mehr erschüttern. Er lebt. Er ist wach. Er ist gesund. Wir haben es geschafft.

Ganz so wie ich ihn kenne, war er am gleichen Tag noch voller Tatendrang aufzustehen und hat mich gebeten die Wirbel an der Brustwirbelsäule noch einzudrehen.

Kinesiologie Seminar, Teil 6 – die Wirbelsäulenbalance

Vorher einmal ausgeführt, habe ich mich einfach mal ran gewagt. Und es war erstaunlich, was sich getan hat. Jeden Tag haben wir mehrmals kinesiologisch seine Wirbelsäule behandelt, mit dem Ergebnis, dass alle Ärzte nur gestaunt haben, wie schnell er wieder auf den Beinen war. Mir wurde bewusst, wie wenig ich meinen Fähigkeiten vorher vertraut habe. Jetzt wusste ich, was ich kann. Zwei Wochen später waren wir in Schladming – spazieren auf dem Gletscher. Verrückt, oder?

Insgesamt war dieser Baumsturz ein Erlebnis, das ich nicht nochmal erleben möchte – und ich bin mir sicher, Thomas auch nicht. Und doch hat es uns ganz viel gezeigt und gelehrt. Es hat uns noch mehr Vertrauen geschenkt und uns ins Leben geschickt. Und genau das haben wir das letzte Jahr getan. Gelebt – jeden Tag, als wäre es der Letzte. Gesagt habe ich das schon immer, es wirklich umzusetzen ist eine andere Sache. Wir haben uns leiten und führen lassen. Haben den Moment angenommen, so wie er war. Haben vertraut, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Auch wenn es im Außen manchmal gar nicht danach aussah. Wir haben darauf vertraut, dass jeder Schritt, jedes Ergebnis, ein wichtiges ist, was uns etwas aufzeigen möchte. Eine alte Wunde, ein alter Schmerz, etwas, was es für uns noch zu bearbeiten gilt. Und das haben wir getan. Wir haben hingeschaut, hinter die Kulissen. Haben uns unserer eigenen Wahrheit gestellt. Und sind gewachsen. Ich bin selber manchmal ganz baff, wie stark ich bin, in Situationen die mich früher einfach umgehauen hätten. Wie verletzlich ich gleichzeitig bin, in Situationen, in denen ich früher einen Panzer um mich hatte. Wie offen und ehrlich ich bin – vor allem zu mir selbst – in Situationen, in denen ich früher geflüchtet bin.

Danke – für all die Erlebnisse der letzten zwei Jahre, die uns an den Punkt gebracht haben, an dem wir jetzt stehen.
Noch schöner könnte das Leben nicht sein.