Wal Timmy

Wer den Wal hat, hat die Qual

Der Wal ist in aller Munde. Ich frage mich: Wie ist er eigentlich dorthin gekommen?

Der Wal heißt Timmy, Fridolin oder Hope. Die Namen wechseln, je nachdem, wer gerade über ihn spricht. Ein Wal, der Timmy heißt, interessierte mich nicht. Ich dachte: mei, der ist halt alt.

Bis gestern. Bis ich einen Bericht über eine Frau aus München sah, die durch die ganze Bundesrepublik an die Ostsee fuhr, ins Wasser sprang, zu ihm schwamm und ihm leise zuflüsterte, dass sie ihn liebt – und dass er darauf hin mit der Flosse gewackelt habe. Sie erzählte davon in einem Interview, nachdem man sie wieder aus dem Wasser gezogen hatte.

Sie imponiert mir. Sie kämpfte mit einer Leidenschaft für ein Tier, während viele diesen mitfühlenden Anteil anscheinend in sich längst vergessen haben und über sie lachten.

Wie der Wal dorthin kam, darüber gibt es mehrere Erklärungen. Die einen sagen: das Klima. Ich dachte spontan an die Offshore-Anlagen, die die Unterwasserbewohner orientierungslos machen. Jemand meinte, eine freimaurerische Frühlings-Zeremonie habe ihn dorthin befördert, als großes lebendige Opfergabe. Eine andere sagte, er sei gekommen, um die Herzebene vieler Wesen auf der Erde zu aktivieren. Er sei Stellvertreter für die Außenseiter. Er sei gekommen, um zu wenden in Liebe.

Dann kommen die Experten. Sie stellen Diagnosen aus der Entfernung. Berechnen, wie viel Wasser sich in seiner Lunge befindet, machen Blubbermessungen. Man betrachtet den Wal von allen Seiten aus Booten. Ein Experte schwimmt zu ihm, streichelt seine Schnauze, während über ihm eine Drohne kreist und beeindruckende Bilder einfängt.

Die Gesänge des Wals werden aufgenommen und später abgespielt, um ihn mit seinen eigenem Klagelied aus der Bucht zu locken.

Gutachten werden geschrieben. Und eines steht fest: Jemand muss haften. Unklar ist nur, wer. Das entscheiden nicht die Menschen vor Ort, sondern Bürgermeister, Minister oder vielleicht sogar der Bundespräsident, der sich ebenfalls auf den Weg zum Wal macht. Auch der Papst wurde zwischenzeitlich angeschrieben.

Dann sollte ein Gericht entscheiden, was mit dem Wal passiert, aber die Helfer sagen, wir wollen nicht mit den Falschen helfen und ziehen ihren Antrag zurück. Er soll für die Demokratie sterben und widmen sich anschließend dem Kampf gegen Fischstäbchen, die jeder im Eisfach lagert.

Es wird tagelang beraten, diskutiert und expertiert, statt einfach zu handeln. Aber ja, die Haftungsfrage muss schließlich geklärt werden.

Er muss dort in der Bucht sterben, denn das ist sein Hospiz, sagt der Minister. Oder er muss gesprengt werden. Es geht nicht anders. Denn beim Rettungsversuch könnte er ja sterben.

Weitere Experten gesellen sich dazu: Fischgrätexperten, auch „Skelettis“ genannt, die schon länger Jungwal für ihre Sammlung möchten. Und Kadaverexperten, die aus Timmy, Hope oder Fridolin CO₂-freien Treibstoff gewinnen wollen.

Ich lese, dass ein großer Wal Energie für 14 Familien für ein Jahr liefern kann. Timmy ist etwas kleiner. Unter einem Artikel darüber fragt ein Kommentator, warum man nicht auch Menschen zu Biotreibstoff verarbeitet. Ich lese das und wundere mich nicht mehr.

Nach all den Diskussionen der letzten Tage kann ich mir vorstellen, mit CO₂-freiem Treibstoff zu fahren, gleichzeitig dafür CO₂-Steuer zu zahlen und dabei zu rauchen – alles für die sprudelnden Staatseinnahmen, während Trump von sich ein Bild von sich als Jesus postet.

Ein anderer Kommentator meint zum derzeitigen Zeitgeschen, dass etwas Großes passieren wird. Es rast auf uns zu.

Ich gucke verdutzt und frage mich wann ich aus dem Fiebertraum aufwache.


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