Intuitiv essen: Wie ich als Ernährungscoach zu meinem intuitiven Essverhalten gefunden habe

Intuitiv essen? Kann ich. Oder etwa nicht?

Ich bin weiß Gott nicht der geborene intuitive Esser. Wobei, eigentlich bin ich genau das. Denn irgendwie kommen wir alle bereits mit dieser Gabe auf die Welt. Intuitive Esser, das sind etwa Kinder. Doch mir ist diese Gabe auf meinem Weg anscheinend irgendwann abhanden gekommen.

Weil ich weiß, wie viele Umwege ich gehen musste, um wieder ein intuitiver Esser zu werden, bin ich mir doch ziemlich sicher, dass es noch Unterschiede gibt zwischen mir und dem “echten” intuitiven Esser, der es sein ganzes Leben lang gar nicht anders kennt.

Aber was genau heisst eigentlich intuitiv essen?

Ich definiere einen echten, intuitiven Esser so, dass er oder sie tief aus dem Inneren heraus entscheidet, was ihm oder ihr gut tut. Ohne sich dabei von Ratschlägen von außen ablenken zu lassen. Das heißt nicht, dass man Rat nicht auch annehmen darf. Er darf jedoch nicht über den eigenen Körpersignalen stehen. Wenn diese Signale missachtet werden, um einer Regel oder einem Dogma gerecht zu werden, würde ich nicht mehr vom intuitiven Esser sprechen, sondern eher von fremdgesteuertem Verhalten. Darüber hinaus spielen beim intuitiven Essen Emotionen keine Rolle, bzw. ist das Essen an keine Emotionen geknüpft. Es hat also nichts mit “situativem” Essen zu tun und hat auch nichts mit einem “laissez-fair”-Ansatz, getreu dem Motto: Ich esse einfach nur, worauf ich Lust habe.

Ganz im Gegenteil. Es bedarf sehr viel Aufmerksamkeit und Bewusstsein den eigenen Bedürfnissen gegenüber

Wissen rund um Essen und Ernährung ist nicht alles. Und seine alten Essgewohnheiten einfach nur “loslassen” kann es auch nicht sein. Als ich meinen Businessplan für die Selbständigkeit entwickelt habe, war mir schon klar: Es muss mehr geben als das, was ich in meinem Studium zum Ernährungscoach gelernt habe. Das Ganze muss über das bloße Wissen hinaus gehen. Warum mir das klar war? Weil ich selbst schon damals soooo viel über gesunde Ernährung und Sport wusste und trotzdem nie wirklich glücklich mit meiner Ernährung gewesen bin. Habe mich kasteit, um dann nach tagelanger Disziplin wieder zuzuschlagen beim Essen.

Mein Traumgewicht habe ich nie wirklich erreicht, egal, wie sehr ich darum gekämpft habe. Ich bin Marathon gelaufen, dann Halbmarathon, habe an verschiedenen Triathlons teilgenommen. Ich habe (fast) nur Salat gegessen und Obst, ich habe auf vieles verzichtet. Ich habe doch – zum Teufel – alles richtig gemacht, alles, was in den Lehrbüchern steht. Aber woran bin ich dann gescheitert? Warum bin ich nie wirklich dort angekommen, wo ich hin wollte? Es war frustrierend.

Erst als ein kleiner intuitiver Esser in mein Leben kam, änderte sich für mich alles.

Bis ich Essen als meinen “Freund” anerkennen konnte, hat es lange gedauert. Tatsächlich war es mein Sohn, der mir als Neugeborener gesagt hat: Hey, jetzt bin ich erstmal dran. Ein kleines, knapp zwei Kilo leichtes Würmchen lag in meinen Armen und wollte nur eins: ernährt werden. Versorgt werden, um zu wachsen. Da war mir klar, dass meine Idealvorstellungen von meiner Figur jetzt in den Hintergrund rücken durften. Es war wichtig, dass ich aß, und zwar vernünftig, und das immer dann, wenn ich Hunger hatte. Mit Disziplin kam ich hier nicht mehr weit. Denn ich hatte viel Hunger und vor allem oft.

Das Tolle daran war: Obwohl ich den ganzen Tag und in meiner Wahrnehmung ständig gegessen habe, nahm ich nicht wie erwartet zu. Nein genau das Gegenteil war der Fall. Neben “mehr” und “öfter” essen habe ich weniger Sport gemacht, bin dafür aber fast jeden Tag unzählige Kilometer spazieren gegangen, um an der frischen Luft zu sein. Das Ergebnis: Ich brachte nach ziemlich kurzer Zeit weniger Kilos auf die Waage als vor der Schwangerschaft. Ich fühlte mich wohl, trotzdem fit und hatte mich immer mit meiner Intuition verbunden gefühlt. Der Anfang meines Lebens als intuitiver Esser war also eine bewusste Entscheidung GEGEN ein Idealbild, das nur in meinem Kopf existierte, und eine bewusste Entscheidung FÜR unsere Gesundheit. Meine, und die meines Sohnes. Und siehe da: ich wurde immer weniger und er wuchs und gedieh.

Damals gab es noch keine Onlinekurse zum intuitiven Essen. Ich war also ziemlich auf mich allein gestellt. Erst 2016 – inzwischen das zweite Mal schwanger – entdeckte ich die Trainerausbildung zum Trainer für Somatische Intelligenz und konnte nach zwei intensiven Wochenenden endlich das in Worte fassen, was mir so lange völlig unerklärlich auf der Zunge lag.

Ich hatte den Weg zu intuitivem Essverhalten gefunden.

So kam ich Schritt für Schritt näher zu mir selbst, habe mich immer intensiver mit mir, meinem Essverhalten und meiner Körperintelligenz beschäftigt. Den Rest der Geschichte kennt ihr bereits. Und ich könnte wetten, diese Geschichte geht immer noch weiter. Sie ist wie eine Zwiebel, die Schicht für Schicht ablegt und mich näher ans Innere bringt. Auch ich lege Schale für Schale ab und komme mir und meinem Kern immer näher. Ich bin wirklich dankbar, dass mir meine Kindern meinen Weg weisen konnten und ich jeden Tag wieder von ihnen lernen kann.